Vom richtigen Zeitpunkt – Wie du lernst, auf deine innere Stimme zu hören

herbstweg


Es ist Herbst. Die Natur bereitet sich auf den letzten großen Akt dieses Jahres vor, in dem jedes Blatt wie von unsichtbarer Hand bemalt in den faszinierendsten Farben erstrahlen wird, bevor sie dann leise und ohne großes Aufheben in die Winterpause gleiten wird.

Die Nächte werden kühler und morgens freuen sich meine Hände, wenn sie sich an einer Tasse heißen Tees festhalten können. Das Frieren beginnt wieder.

Doch auch die Wärme kehrt zurück. Zwar nicht die sommerliche, die uns nach draußen zieht und von Badeseen träumen lässt. Jedoch die wohlige Wärme der Behaglichkeit, die von dicken Decken und Wollsocken ausgeht, von heißen Suppen im Bauch und Wärmflaschen an den Füßen.

Alles im Leben hat seine Zeit. Für alles gibt es den richtigen Moment. Und die Jahreszeiten führen mir dies immer wieder sehr deutlich vor Augen.

Noch mehr als bei den Menschen lässt sich dies in der Natur beobachten. Ich wundere mich jedes Mal aufs Neue, dass die Bäume wissen, wann es Zeit ist, die Blätter fallen zu lassen. Ebenso wie sie spüren, wann der Moment gekommen ist, um die dicken Knospen, die über Monate ausgeharrt und geduldig auf den Frühling gewartet haben, aufspringen und zu zarten, grünen Blättern heranwachsen zu lassen.

Was wir Menschen verlernt haben


Wie sieht es da bei uns Menschen aus?  Gibt es auch in uns diese unsichtbare Kraft, die uns spüren lässt, wann der richtige Moment gekommen ist?

Wie in der Natur folgen auch wir klaren Regeln und für alles ist eine bestimmte Zeit vorgesehen. Bei jeder Handlung wissen wir genau, wann wir sie durchführen können und wann nicht. Der Unterschied zur Natur ist jedoch der Ursprung dieser Regelungen. In der Welt der Pflanzen und Tiere kommen diese von innen. Sie spüren, wann es Zeit zu handeln ist und wann zu ruhen.

Unsere Regeln hingegen kommen von außen. Die Zeit unseres morgendlichen Aufwachens wird vom Wecker bestimmt. Unseren Hunger stillen wir, wenn uns die Arbeit Zeit dazu lässt. Und jegliches Ausruhen und Erholen wird aufs Wochenende oder den Urlaub verschoben. Wann auch immer der kommen mag. Arbeiten findet in den Zeiten statt, die durch unsere Vorgesetzten festgelegt wurden. Und Lieben beschränkt sich auf die kurze Zeit zwischen Arbeit und Schlaf.

Dabei existiert diese Kraft, die Tiere und Pflanzen spüren lässt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, auch in uns. Nur dass wir von Kindesbeinen an gelernt haben, sie zu missachten.
Wir haben verlernt, zu fühlen, was in uns vor geht und uns gegen das Wissen gewendet, das stets in uns ist und uns sagt, was in welchem Moment das Richtige für uns ist.

Säuglinge und Kleinkinder haben noch einen guten Zugang zu diesem Wissen. Wenn sie Angst haben, suchen sie Schutz bei ihren Eltern. Und wenn sie eine Herausforderung meistern wollen, schauen sie nicht auf die Risiken, sondern vertrauen in ihre Fähigkeiten. Wenn sie traurig sind, dann weinen sie und wenn ihnen nach Lachen zumute ist, dann lachen sie. Ein Gefühl kann in Windeseile das andere ablösen, doch jedes wird bedingungslos ausgelebt.

Weil ich wie die meisten Erwachsenen in unserer Gesellschaft im Laufe meines Heranwachsens verlernt habe, auf mich zu hören und dem Wissen in mir zu vertrauen, habe auch ich lange Jahre ein Leben geführt, das von Regeln, Geboten und Verboten bestimmt war, die mir von außen vorgegeben wurden. Ich habe getan, was ich tun „musste“, was von mir erwartet wurde und was andere für richtig erachteten.

Lausche nach innen und werde glücklich


Inzwischen weiß ich, dass es in keinerlei Hinsicht sinnvoll oder nützlich ist, wenn wir uns gegen das Wissen in uns wenden und auf eine Weise handeln, die unserem Wesen widerspricht.

Seit ich immer mehr auf die Stimme in meinem Inneren höre, die mir sagt, was richtig ist und was ich jetzt gerade am besten tue, führe ich ein schöneres, gesünderes und reicheres Leben als zuvor. Ich gehe einer Arbeit nach, die mich erfüllt. Mein Körper ist gesünder denn je und meine Beziehungen sind tiefer, ehrlicher und liebevoller. Und auf materieller Eben mangelt es mir an nichts.

Auch wenn ich noch lange nicht in jedem Moment dieser Stimme folge und mich immer mal wieder aus alter Gewohnheit heraus den erlernten Verhaltensregeln beuge, sehe ich bereits, wie viel besser, leichter und stimmiger alles läuft, wenn ich auf sie höre.

Gerade in Bezug auf das Arbeiten konnte ich feststellen, dass ich wesentlich produktiver bin, wenn ich nur dann arbeite, wenn ich auch wirklich spüre, dass dies ein guter Moment dafür ist und aufhöre, sobald meine Kräfte aufgebraucht sind. Ich arbeite konzentrierter, effizienter und kreativer. Innerhalb der selben Zeit schaffe ich auf diese Weise mehr und die Ergebnisse sind besser, als wenn ich mich an feste Arbeitszeiten halten würde.

Vielleicht würdest auch du gerne in deinem eigenen Rhythmus arbeiten und leben und insgesamt mehr auf dich hören. Aber du weißt nicht, wie du das konkret umsetzten kannst. Du siehst die vielen Erwartungen, die Verpflichtungen und Notwendigkeiten, die dein Leben bisher bestimmt haben und denen du dich nicht ohne weiteres von heute auf morgen entziehen kannst.

Aber das ist auch gar nicht notwendig. Du musst nicht gleich morgen deine Kündigung einreichen, um einem selbstbestimmten Leben näher zu kommen. Denn das Geheimnis jeder langfristigen und beständigen Veränderung sind die kleinen Schritte.

Übung macht den Meister


Du kannst damit anfangen, auf dich und deinen Rhythmus zu hören, indem du dich immer wieder fragst, was du wirklich willst und was sich jetzt gerade für dich richtig anfühlt. Dem inneren Kompass zu folgen erfordert etwas Übung, weil die Stimme in uns manchmal so leise ist, dass es fast unmöglich ist, sie zu hören. Doch nur, weil wir sie nicht hören, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt.

Mit dem Wahrnehmen der inneren Stimme ist es wie beim Training von Muskeln. Je öfter ich hinhöre und je länger ich meine Wahrnehmung trainiere, desto stärker wird sie und irgendwann kann ich auch die leisesten Töne klar und deutlich erkennen.

Wenn du magst, kannst du jetzt gleich damit beginnen und dich fragen, was du in diesem Moment brauchst. Was würde dir jetzt gerade gut tun? Was wäre das für dich Beste, das du jetzt tun könntest? Lausche in dich hinein, gib dir selbst ein bisschen Zeit. Vielleicht gibt es ja etwas, das dir deine innere Stimme jetzt gerade sagen möchte.

Du wirst sehen, mit der Zeit wird es leichter werden und du wirst immer besser und schneller spüren, was für dich das Richtige ist.

Und irgendwann wirst du dann mit Freude sagen können: Ja, ich führe ein Leben ganz in meinem eigenen Rhythmus.

Foto: Lukasz Szmigiel

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3 Kommentare

  1. Liebe Claudia,

    toller Text. Ich höre mein Inneres so klar und laut, aber das Außen brüllt…

    Alles Liebe

    • Ich danke dir!.
      Ja, eine schwierige Situation. Aber es ist auch nicht gerade einfach, damit zu beginnen, auf sich zu hören, wenn um einen herum der Sturm tobt. Es wäre zu viel erwartet, wenn man ohne Seepferdchen-Abzeichen auf hoher See auskommen will. Das Üben und Herantasten findet doch am besten unter angemessenen Bedingungen statt. So stellen sich die Erfolgserlebnisse und guten Erfahrungen viel schneller ein und man gibt nicht gleich am Anfang auf. Kein Meister ist je vom Himmel gefallen und auch in Punkto „auf sich hören“ geht nichts über Üben, Üben, Üben.

  2. Ich bin begeistert,die Naturbeschreibungen dind passend,Danke!

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